Junggesellenabschiede
Sonntag, 11. Mai 2008 at 20:38 | In Sonstiges, Stuttgart | 2 Comments
Allfreitäglich und -samstäglich gruppen sich diverse verspätete Dorf-Adoleszensos im 70-Kilometer-Provinz-Umland einer größeren Stadt zusammen, um einen alten Hochzeitsbrauch zu zelebrieren: den Junggesellenabschied. Dazu fahren sie in die nächste Stadt, um mit viel Alkohol einen ihrer Freunde, der demnächst heiraten wird, durch belebte Einkaufsstraßen und Partymeilen zu führen. Und dabei allen anderen ordentlich auf die Nerven zu gehen.
Nicht fehlen dürfen die extra für diesen Abend bedruckten T-Shirts oder Polo-Hemden mit hochgeklapptem Kragen, Bier en masse und natürlich ein unverständlicher Bauern-Dialekt. Die arme Sau, die durch die Stadt getrieben wird, lässt sich dazu gerne in ein Sträflingskostüm stecken. Junggesellinnenabschiede unterscheiden sich hier ein wenig. Die Frauen verzichten meist auf die bedruckten T-Shirts und Bier, greifen dafür gerne willig zu Schnaps und Tussenoutfits. Wobei bei ihnen vermehrt auch Jeans gesichtet werden; will man am Tag der Tage dann doch lieber keine Blasenentzündung riskieren.
Alle gemein haben sie die naive Annahme, diese ganze Aktion sei witzig. Das Provinzvolk ahnt nicht einmal, dass es für die Außenstehenden nervig sein könnte. Denn wen interessiert es schon groß, wenn irgendeine pummelige Land-Ann-Kathrin oder ein Alb-Bauer unter die Haube kommen?! Das verkniffene Grinsen der Passanten ist ein Mitleidslächeln für den sich zum Deppen machenden Bald-Ja-Sager. Nicht weil er demnächst eine Familie an der Backe hat und sein ausschweifendes Kleiner-Feigling-Leben dann vorbei ist, sondern weil er solche dümmlichen Freunde um sich hat. Der Ehepartner reicht möglicherweise in zwei Jahren die Scheidung ein – die vermeintlichen Freunde hingegen bleiben fürs Leben. Das ist der eigentliche Fluch.
Wo sind die in sich geschlossenen Junggesellenabschiede, für die der Nebenraum eines Clubs angemietet wird und eine Stripperin bzw. ein Chippendale-Verschnitt mit tragbarem CD-Spieler sich lasziv auf einem Klappstuhl vergnügt? Gibt’s so etwas nur in US-amerikanischen Filmen? Zum Wohle unserer Innenstadtqualität sollte sich das auch hier durchsetzen!
2 Kommentare »
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Danke, du sprichst mir aus der Seele. Hatte letztens abends wieder so eine Bande in der Nähe, allerdings nicht in der Innenstadt sondern in einem vollen Regionalexpress, was mindestens genauso nervig ist.
Kommentar von Stefan — Sonntag, 11. Mai 2008 #
@Stefan: Oh ja, das stelle ich mir auch übel vor. Denn da gibt’s ja nun absolut kein Entkommen.
Kommentar von Jürgen — Sonntag, 11. Mai 2008 #